Stellenabbau

Heute ist Streik-Tag der Clariantarbeitnehmenden. Nach der Fahrt von Muttenz nach Liestal wurden vor dem Regierungsgebäude in Liestal Reden gehalten. Am Mittag werde ich mit einigen Fraktionskollegen gemeinsam mit den Streikenden essen. Die Frage bleibt: was hat der Staat in Zeiten von Stellenabbau, Toplöhnen und Gewinnmaximierung zu tun? Soll er, muss er, darf er? Der soziale Frieden ist ein zartes Pflänzchen. Die Arbeitsstelle zu verlieren ist ein einschneidendes Erlebnis, auch mit Sozialplan. Es gibt Preise für alles und jedes. Warum eigentlich nicht für diejenigen ManagerInnen, die es schaffen, ohne Stellenabbau ihre Firmen zu restruktieren (wenn es denn wirklich nötig ist). Und ausserhalb der Welt des Geldes (viel, mehr und noch mehr), sollte es auch noch Werte geben. Warte auf die soziale Börse, an der mit Talenten gehandelt wird.

Autor: Pia Fankhauser

Nicht nur links denkend. Menschen, Politik, Medizin, Technik und das Leben beschäftigen mich.

2 Gedanken zu „Stellenabbau“

  1. Stellenabbau ist furchtbar für betroffene Mitarbeiter. Wenn Sozialplan oder Interessenausgleich nicht mehr greifen bleibt oft nur die Wahl einer Transfergesellschaft. Es gibt einige, von Institutionen unabhängige, Anbieter auf dem deutschen Markt die hierbei gute Arbeit leisten und wirklich 80% in neue Jobs vermitteln. Leider glänzen aber viele Transferanbieter regelmäßig mit Schlechtleistung und bekommen dennoch weiterhin instituionelle Unterstützung. Hier ein typisches Beispiel.

    Herr Müller, Herr Meier und Frau Schulze sind zwischen 40-50 Jahre alt und arbeiten seit 15 Jahren bei ihrem Arbeitgeber als Maschinenbauer. Leider wird Ihnen nun mitgeteilt, dass ihre betriebsbedingte Kündigung wegen der Wirtschaftskrise unumgänglich ist. Aber der alte Arbeitgeber bietet ihnen die Möglichkeit für 12 Monate in eine Transfergesellschaft zu wechseln. Von einer Transfergesellschaft haben sie noch nie etwas gehört. Der Betriebsrat informiert sie in verschiedenen Veranstaltungen über die Arbeitsweise und Zielstellung einer Transfergesellschaft. Alle 3 haben die Idee verstanden. Sie finden es Klasse, dass sie Qualifizierungen und Unterstützung bei Ihren Bewerbungen erhalten. Außerdem gibt es 80% Lohnfortzahlung und den Anspruch auf Arbeitslosengeld kann man auch um ein Jahr verlängern. Den Transferdienstleister hat der Gewerkschaftsvertreter empfohlen. Herr Müller, Herr Meier und Frau Schulze wissen, dass sich auch noch andere Unternehmen für Ihre Betreuung beworben haben, aber der Betriebsrat hat diese nicht weiter berücksichtigt. Denen vertraut man, so der Betriebsrat.

    Für die Transfergesellschaft wurde für alle 3 ein Qualifizierungsbudget von je 500 Euro festgelegt. Das Qualifizierungsbudget dient dazu, einen Teilnehmer der Maßnahme auf seinen neuen Job vorzubereiten.

    Vergleichbar mit der Bewertung in einem Arbeitszeugnis existiert leider, wie überall im Personalwesen, auch hier eine Codierung. Die Qualifizierung sollte im Idealfall passgenau auf ein neues Stellenangebot durchgeführt werden. Viele Transferanbieter haben eigene, als Bildungsträger agierende, Tochterunternehmen oder sind wirtschaftlich mit Bildungseinrichtungen verbunden.

    In der Praxis läuft dies dann häufig so ab: Herr Müller, Herr Meier und Frau Schulze haben zwar einen Computer zu Hause und surfen gelegentlich durch das Internet, aber Herr Müller und Frau Schulze haben keine Emailadresse und mit Schreibprogrammen stehen sie auch auf Kriegsfuß. Das ist eigentlich nicht schlimm, denn die variable Verfügbarkeit am Computer war bisher nicht notwendig. Auch für die Zukunft wird sich für die 3 in diesem Bereich kein Berufsfeld erschließen, außer man macht eine mehrjährige Berufsausbildung im IT-Umfeld oder der Sachbearbeitung. Aber der angeschlossene Bildungsträger der Transfergesellschaft muss irgendwie Geld verdienen.

    Da sie am Computer Defizite haben wäre es doch sinnvoll, allen dreien erst mal einen PC-Kurs zu geben. Dann können sie gezielt nach Stellenangeboten suchen und Ihre eigenen Bewerbungen versenden. Der angeschlossene Bildungsträger freut sich auch, denn er bucht bei Gründung der Transfergesellschaft schon mal direkt 300 Euro je teilnehmer vom Qualifizierungsbudget aufs eigene Konto, für 2 Wochen Computerkurs. Herr Meier hat am Computer etwas Erfahrung und findet deshalb den Kurs super langweilig und Herr Müller versteht gar nichts. Das Lerntempo orientiert sich nämlich am Gruppendurchschnitt und den bildet Frau Schulze.

    Nach 2 Wochen intensiven Trainings müssen alle bedauernswerterweise feststellen, dass Sie jetzt zwar ein Worddokument schreiben, etwas formatieren, abspeichern und sogar wiederfinden können, aber von Bewerbungen haben sie eigentlich keine Ahnung. Ist aber kein Problem, denn dem alten Arbeitgeber wurden ja mit der Transfergesellschaft auch wöchentliche Einzelberatungen mit einem eigenen Berater für jeden Teilnehmer verkauft. Wäre es da nicht besser, wenn sie die Bewerbungsunterlagen gemeinsam mit ihrem Berater bei der Transfergesellschaft erarbeiten? Im Idealfall könnte der Berater die Bewerbungen auch gleich noch versenden. Der Berater müsste doch wissen worauf man achten sollte. Seltsamerweise finden diese wöchentlichen Einzelberatungen nicht statt. Aber es gibt Gruppenveranstaltungen zum Bewerbungsprozess bei denen auch Stellenangebote vorgestellt werden auf die man sich bewerben kann.

    Frau Schulze zieht sich in der Gruppe immer weiter zurück, denn was ihre Kollegen nicht wissen, ihr Mann ist schwer krank und benötigt Pflege, außerdem haben sie noch ein Kredit auf das Haus. Sie kann sich nicht auf jede Position bewerben und räumliche Mobilität oder Schichtsystem muss sie ausschließen. Von diesen Vermittlungshemmnissen möchte sie in der Gruppe nicht erzählen. Aber da gab es doch noch die versprochene Einzelberatung. Es sind zwar täglich Berater im Service-Büro anzutreffen, so dass jeder kommen und eine Einzelberatung in Anspruch nehmen kann, diese wechseln aber regelmäßig. Frau Schulze möchte jedoch nicht immer wieder einem wildfremden Menschen Ihre privaten Probleme erklären müssen. Da gibt sie lieber auf und versucht es auf eigene Faust. Sie bekommt doch jede Woche per Email von der Transfergesellschaft Stellenangebote oder kann sich diese im Büro abholen. Eigentlich, denkt sich Frau Schulze, wäre es schon besser, wenn man das alles Mal mit einem Berater besprechen könnte, den man wöchentlich sieht, vertrauen schöpft und sich gemeinsam mit diesem bewirbt.

    Nach 6 Wochen in der Transfergesellschaft konnten nun alle 3 in der Gruppenveranstaltung einen standardisierten Lebenslauf erstellen und das Stellenangebot beim Unternehmen im Nachbarort klingt auch vielversprechend. Alle 3 senden ihre Bewerbungsunterlagen. Der dortige Personaler ist etwas verwundert, dass er drei quasi identische Bewerbungen erhält und entschließt sich doch lieber für einen anderen Bewerber mit einem individuellen, aussagekräftigeren Lebenslauf. Zwei Monate später hat Herr Meier dennoch Glück und findet eine neue Stelle. Ein Bekannter hatte ihm den Tipp gegeben sich bei einer Firma zu bewerben. Bei Frau Schulze hat sich die familiäre Situation verschlechtert. Ihr Mann benötigt jetzt ganztagspflege. Sie beantragt Pflegestufe 3 und tritt vor Ende der Transfergesellschaft mit einer kleinen Sprinterprämie im Portemonnaie aus. Den Transferanbieter freut es in doppelter Hinsicht. Die eingesparten Remanenzkosten erhöhen den Gewinn und die offizielle Vermittlungsquote springt in Addition mit Herrn Meier auf 66 %. Auch Herr Müller hat ein vielversprechendes Angebot. Der neue Arbeitgeber würde ihn einstellen, wenn er noch einen speziellen Schweißerschein macht. Der kostet dummerweise aber 680 Euro. Im Qualifizierungsbudget aller 3 Teilnehmer sind aber nur noch insgesamt 600 Euro übrig. Das meiste wurde ja für den wichtigen Computerkurs genutzt. Leider kann ihn der neue Arbeitgeber deshalb nicht einstellen. Herr Müller verbleibt bis zum Ende der Transfergesellschaft und meldet sich anschließend bei der Arbeitsagentur als arbeitssuchend.
    Die offizielle Vermittlungsquote kommuniziert der Transferanbieter mit 66%. Tatsächlich hat er aber keinen vermittelt. Durch Beratung, eine kleine Marge beim Bildungsträger und das verbleibende Qualifizierungsbudget steht am Ende ein befriedigender Gewinn. Das nächste Projekt klopft auch schon an der Tür, denn durch gute Beziehungen zu Arbeitnehmervertretungen wurden sie schon wieder empfohlen. Beim nächsten Projekt treten überwiegend Sachbearbeiter und Manager in die Transfergesellschaft ein. Die sind zwar fit am Computer können aber nicht Gabelstapler fahren. So ein Zertifikat müsste doch ihre Vermittlungschancen deutlich erhöhen? Welch Glück das der eigene Bildungsträger auch das anbieten kann.

  2. REPLY:
    Ist das Deutschland? Das fehlte mir gerade noch, so eine Transfergesellschaft. Bei uns agieren die RAVs ja schon an der Grenze, aber die müssen wenigstens keinen Gewinn abwerfen.

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